Kleinere Unglücksfälle und Störungen waren alltäglich. Es wurden Arbeiter von niederbrechendem Gestein verschüttet, beim Sprengen in Stücke gerissen, von Zügen zermalmt. Der Tod war im Tunnel zu Hause und holte sich die Tunnelmänner ohne viele Umstände heraus. In allen Stollen waren wiederholt große Mengen Wasser eingebrochen, die die Pumpen nur mit Mühe bewältigen konnten, und Tausende von Menschen liefen Gefahr zu ertrinken. Diese Tapferen standen zuweilen bis an die Brust im Wasser. Und oft waren diese einbrechenden Wasser kochend heiß und dampften wie Geiser. Allerdings ließen sich große Wassermengen in den meisten Fällen vorherbestimmen, so daß man seine Maßnahmen treffen konnte. Mit besonders konstruierten Apparaten, den Sendeapparaten der drahtlosen Telegraphie ähnlich, wurden nach einem von Doktor Lövy, Göttingen, zuerst angeregten Verfahren elektrische Wellen in den Berg gesandt, die, sobald Wassermengen (oder Erzlager) vorhanden waren, reflektiert wurden und mit den ausgesandten Wellen in Interferenz traten. Wiederholt waren die Bohrmaschinen verschüttet worden und bei diesen Unfällen ging es nicht ohne Tote ab. Denn wer in der letzten Sekunde nicht flüchten konnte, wurde zermalmt. Kohlenoxydvergiftung, Anämie waren alltägliche Erscheinungen. Der Tunnel hatte sogar eine neue Krankheit hervorgerufen, ähnlich jener, die man bei den Arbeitern in den Caissons beobachtet, der Caissonkrankheit; sie wurde im Volk „the bends“, die „Beuge“, genannt. Allan hatte am Meer ein eigenes Erholungsheim für diese merkwürdigen Kranken eingerichtet.

Alles in allem aber hatte der Tunnel in sechs Jahren nicht mehr Opfer gefordert als andere technische Großbetriebe. In Summa 1713 Menschenleben, eine verhältnismäßig niedrige Ziffer.

Der zehnte Oktober des siebten Baujahrs aber war Allans schwarzer Tag ...

Allan pflegte alljährlich im Oktober eine Generalinspektion der amerikanischen Baustelle vorzunehmen, die mehrere Tage in Anspruch nahm. Bei den Ingenieuren und Beamten hieß sie das „jüngste Gericht“. Am 4. Oktober inspizierte er die „City“. Er besuchte die Arbeiterhäuser, Schlachthäuser, Bäder und Hospitäler. Er kam auch in Mauds Rekonvaleszentenheim, und Maud war den ganzen Tag über in Aufregung und wurde purpurrot über das Kompliment, das er ihrer Leitung machte. Er besuchte in den nächsten Tagen die Bürogebäude, Materialbahnhöfe und Maschinenhallen, in denen in endloser Reise die Dynamos schwangen und knisterten, die Expreß- und Drillingspumpen, Grubenventilatoren und Kompressoren arbeiteten.

Am nächsten Tag fuhr er mit Hobby, Harriman und Ingenieur Bärmann in den Tunnel.

Die Tunnelinspektion dauerte mehrere Tage, denn Allan kontrollierte jede Station, jede Maschine, jede Weiche, jeden Querschlag, jedes Depot. Sobald sie an einer Stelle fertig waren, stoppten sie durch Signale einen Zug ab, schwangen sich auf einen Waggon und fuhren ein Stück weiter.

Die Stollen waren dunkel wie Keller. Zuweilen huschten Lichtschwärme vorbei: Eisengerüste, Menschenleiber, die in den Gerüsten hingen; eine rote Lampe blendete, die Glocke des Zuges gellte und Schatten flüchteten zur Seite.

Die dunkeln Stollen rauschten von den Zügen, die dahinflogen. Sie knackten und krachten, gellende Schreie flatterten in der fernen Finsternis. Es heulte irgendwo wie Wölfe, es blies und schnob wie ein Nilpferd, das auftaucht, dann hörte man mächtige, rauhe Stimmen von Zyklopen wütend streiten und man glaubte selbst einzelne Worte deutlich zu verstehen. Ein Gelächter kollerte durch die Stollen und schließlich vereinigten sich all diese sonderbaren und unheimlichen Laute, der Tunnel mahlte, rauschte, gröhlte und ganz plötzlich fuhr der Zug in ein Donnerwetter von Gellen und Getöse hinein, daß man sein eigenes Wort nicht mehr vernahm. Vierzig Kilometer hinter der Bohrmaschine dröhnte der Tunnel wie ein riesiges Widderhorn, in das die Hölle stieß. Hier gleißten die Arbeitsstätten von Licht und Scheinwerfern wie weißglühende Schmelzöfen.

Die Nachricht, daß Allan im Tunnel war, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Wo er hinkam — unkenntlich von Staub und Schmutz und doch sofort erkannt — begannen die Rotten „das Lied vom Mac“ zu singen: