Die Katastrophe trat unglücklicherweise gerade bei Schichtwechsel ein und in den letzten zwei Kilometern waren rund zweitausendfünfhundert Menschen zusammengedrängt. Mehr als die Hälfte war in einer Sekunde zerschmettert, zerfetzt, erschlagen, verschüttet und niemand hatte einen Schrei gehört.
Dann aber — als das Dröhnen der Explosion in der Ferne verhallte — wurde die Totenstille des nachtschwarzen Stollens von verzweifelten Schreien zerrissen, von lautem Jammern, von wahnsinnigem Gelächter, von hohen winselnden Tönen des letzten Schmerzes, von Hilferufen, Verwünschungen, Röcheln und tierischem Gebrüll. An allen Ecken begann es zu wühlen und sich zu regen. Geröll rieselte, Bretter splitterten, es rutschte, glitt, knirschte. Die Finsternis war entsetzlich. Der Staub sank wie dicker Aschenregen herab. Ein Balken schob sich zur Seite und ein Mensch kroch keuchend aus einem Loch heraus, nieste und kauerte betäubt auf dem Schutthaufen.
„Wo seid ihr?!“ schrie er, „In Gottes Namen!!“ Fortwährend schrie er dasselbe und nichts antwortete ihm als wilde Schreie und tierisches Stöhnen. Der Mensch aber brüllte lauter und lauter vor Entsetzen und Schmerzen und seine Stimme klang immer schriller und irrsinniger.
Plötzlich aber schwieg er still. In der Finsternis flackerte ein Feuerschein. Eine Flamme leckte aus der Spalte eines hausähnlichen Trümmerhaufens und plötzlich schoß eine schwelende Feuergarbe empor. Der Mensch, ein Neger, stieß einen Schrei aus, der in ein entsetztes Röcheln überging: denn — Gott sei mir gnädig! — mitten in der Flamme erschien ein Mensch! Dieser Mensch kletterte durch die Flamme empor, ein qualmendes Bündel mit gelbem Chinesengesicht, ein schreckenverbreitendes Gespenst. Das Gespenst kroch lautlos höher und höher, so daß es haushoch oben zu hängen schien, dann rutschte es herab. In diesem Augenblick stellte sich eine Erinnerung in dem verstörten Hirn des Negers ein. Er erkannte das Gespenst.
„Hobby!“ brüllte er. „Hobby!“
Aber Hobby hörte nicht, antwortete nicht. Er taumelte, stürzte in die Knie, klopfte sich die Funken von den Kleidern, röchelte und schnappte nach Luft. Eine Weile kauerte er betäubt am Boden, ein dunkler Klumpen im Feuerschein. Es sah aus, als wolle er fallen, aber er fiel nur auf beide Hände und begann nun langsam, mechanisch, vorwärts zu kriechen, instinktiv der Stimme entgegen, die unaufhörlich seinen Namen schrie. Unerwartet stieß er auf eine dunkle Gestalt und hielt inne. Der Neger hockte mit blutüberströmten Gesicht da und brüllte. Bald blinkten ihn zwei weiße Augen an, bald eines. Das kam daher, weil das Blut immer wieder ein Auge des Negers anfüllte und er es krampfhaft aufreißen mußte.
Sie hockten einander eine Weile gegenüber und sahen sich an.
„Fort!“ flüsterte dann Hobby, ohne Sinne, und richtete sich automatisch auf.
Der Neger griff nach ihm.
„Hobby!“ heulte er entsetzt. „Hobby, was ist geschehen?!“