„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian, woher sollte ich es wissen? Ich wurde ja erst vor einer Viertelstunde zu diesem allerdings sehr, sehr angenehmen und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie übrigens den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun, dann ist es gut. Ich atme auf. Schellenberg befahl mir, Sie daran zu erinnern. Und hier – ich bitte um Verzeihung – sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen. Er hat sie mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben Sie mich, wenn er fragen sollte, ob Sie mit mir zufrieden waren. Er war heute schon sehr ungnädig! Nein, ich habe ein schweres Brot, glauben Sie mir.“
Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb arbeitet Herr Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie. „Kann er sich nicht irgendwie entlasten?“
„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine Herr von Stolpe. „Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich. Er macht alles selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert er am Tage hinaus. Am Abend aber, sollte man annehmen, sinke er tot um. Aber nein, weit gefehlt, am Abend wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater, Gesellschaften, Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft. So geht es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich. Dabei ist er immer in prächtiger Laune. Sie werden ja sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer Mensch ist Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem ganzen Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht kennengelernt. Wenn ich ihn auch zuweilen verfluche – ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat Format, sehen Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß, schrankenlos, ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt schwärmte Stolpe von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte ihn.
Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende Stolpe, dieses rotbäckige, mit den Absätzen knallende Nichts, bei dessen Anblick sie früher die Brauen hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden.
In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen Lakai, der steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen wagte er leise und devot nach ihren Wünschen zu fragen. „Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas Sekt?“
Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet, und Wenzel trat in die Loge. Stolpe verschwand ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel begrüßte Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben ihr Platz genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte.
Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog. Sie suchte sich zu beherrschen, vergebens. Sie fühlte Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede Hast über sie glitt. Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört hätte, sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr Profil, über ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme, und sie begann unter diesem Blick zu zittern. Welche Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen? Dann aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels Atem ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte zur Seite und sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt hatte, als ob er schlafe. Und in der Tat, während Mozarts Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit Zauber, Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel Schellenberg still in seinem Sessel.
Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden noch schmaler, ihr Blick unglücklich und verletzt. War es, auch wenn man die größte Nachsicht übte, nicht der Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht, und dann schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt! Sie versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte es nicht! Er schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts, und lächelte.
Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen und starrte auf die im Applaussturm sich verneigenden Sänger wie auf eine Schar von Narren. „Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch die Musik, und dann schlief ich plötzlich ein. Ich war furchtbar müde. Ist es zu Ende?“
Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm aus. Ihre schönen Augen lächelten Verzeihung.