Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den unverständlichen Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“ sagte er. „Ich muß heute nach Hamburg fahren.“
Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. „Armer, armer Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“
Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper gehen?“ fragte er.
„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“ Aber sie wußte, daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige muß man belügen, um Ruhe vor ihnen zu bekommen. Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie weit weg war sie schon von ihm.
6
Langsam wurde die Überzahl der dunklen Quadrate erkennbar. Nun waren es nur noch vierundzwanzig Stunden. Nur um einige Stunden totzuschlagen, ging sie in ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig auf und begann mit den Vorbereitungen ihrer Toilette für den Abend. Ihre Garderobe war armselig, fast wäre sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren geschickten Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß sie ganz annehmbar gekleidet war. Schellenberg brauchte sich ihrer ganz gewiß nicht zu schämen. Am Nachmittag kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um ein Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau ein Viertel nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der Wagen stand da. Aber zu ihrer Enttäuschung fand sie nicht Schellenberg, sondern den kleinen Stolpe vor dem Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung.
Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann man sich nach einem Menschen so wahnsinnig sehnen!
Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr Schellenberg sei noch in einer sehr wichtigen, gänzlich unerwarteten Konferenz und könne zu seinem Bedauern erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt, ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten.
Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie den Schmerz einer leichten Kränkung zu verwinden suchte. Auch nicht die dringendste Konferenz hätte ihn abhalten dürfen. Schon aber urteilte sie milder. Augenblicklich, sie hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe mit einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für Tag, Fräulein Florian,“ seufzte er, indem er sich in die Ecke des Autos fallen ließ und nach Luft rang. „Von sieben bis acht ritten wir schon unsere Stunde im Tiergarten ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im Flugzeug nach Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas, einen Mokka, einen Kognak. Um fünf Uhr zurück, geschlafen im Flugzeug, wieder Besprechungen und Konferenzen. Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis siebzehn Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht es Tag für Tag, auch am Sonntag. Es ist mir unbegreiflich, wie Schellenberg das aushält. Was gibt man eigentlich in der Oper?“
Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört. Alles interessierte sie, was Schellenberg betraf, alles. „Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“ antwortete sie lächelnd. „Sie wissen es nicht?“