An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten alten Vater schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen, daß sie einen dreijährigen Kontrakt mit einer der ersten Filmgesellschaften abgeschlossen habe. Der Vertrag sei so gut wie perfekt. Über die Bedingungen würde sie morgen berichten. Aber während sie schrieb – ausführlich schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft, nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht –, während sie schrieb, quälte sie dieser Konflikt, in dem sie sich befand. Ich werde mit Katschinsky brechen, sagte sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun sollen. Was wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen, daß –

Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie nicht so gepeinigt, es kam noch etwas dazu, und das war weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß ihr dieser Wenzel Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war unzweifelhaft, sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke ihr der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder, als habe man mit einem haarscharfen Messer ihre Brust geritzt und ein Tropfen Blut fließe über ihre Brust herunter. Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie sehnte sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem etwas derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein Lächeln? Verächtlich, überheblich? Sie sehnte sich nach ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie wußte es, und daß sie ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld liebte sie, seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile. Sie wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde sie von ihm annehmen. Sie wollte nicht seine Pferde und Automobile, was gingen sie die an? Er protegierte sie. Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren? Zugegeben, daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft ohne seine Vermittlung niemals zustande gekommen wäre. Er wollte ihr gefällig sein. Konnte sie es ihm verbieten? Katschinsky aber hatte stets nur an sich gedacht, und selbst jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie Erfolg hatte.

Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz allein erregt war, auch ihre Sinne. Was würde werden? Was würde geschehen? Er würde es ihr sofort ansehen, auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“

„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny den Brief. Seehund war ihr Kosename für den Vater, der, mit seiner Glatze, seinen runden Augen und seinem hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter Seehund, morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große Dinge vor. Ich fühle es, daß ich glücklich sein werde!“

Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während die Qual sie zerriß. Mochte es stehen bleiben.

Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten. Dann ging sie langsam durch die Straßen, um nachzudenken, um sich zu sammeln, um das heiße Gesicht zu kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen? Er wird es mir sofort ansehen! Ich werde nicht in die Oper mit ihm gehen. Ich werde abschreiben.“ Sie blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen? Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also sechsundvierzig Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete auf einen Briefbogen sechsundvierzig Quadrate, und wenn eine Stunde vergangen war, strich sie ein Quadrat aus.

Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald sie sich über das Buch beugte. Sie ging auf und ab.

Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas Gutes darin. Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine Stimme ist oft so laut. Immer verschwendet er Kraft, auch wenn er spricht. Wenn man in den Sternen lesen könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war das? Was kam da zwischen den Schornsteinen hervor? Sie erschrak. Was war das? Licht, gleißendes Licht stieg in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine, breitete sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond.

„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne die Götter zu erzürnen?“ fragte sich Jenny und legte sich nieder, den Glanz des Mondes in der Brust. Als sie am Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate ausstreichen.

An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört, bleich, die Augen gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam. „Was ist geschehen, um Gottes willen?“ fragte sie bestürzt.