„Ja, ich gehe.“

Krachend flog die Türe ins Schloß.

Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane ihres bescheidenen Zimmers. Dann aber erhob sie sich, wusch sich die Augen, kühlte die Wangen mit Kölnischem Wasser.

„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette anzündete. „Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß, Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es zu Ende ist!“ Jetzt erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist er schließlich? Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen ihn die andern Männer! Es ist Zeit, es ist hohe Zeit, daß ich diese Verbindung löse! Ich aber habe gefallen,“ fuhr sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen Teppich hin- und herging. „Mein Engagement ist perfekt. Ich werde meinen Weg machen. Und Schellenberg –“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an Papa schreiben.“

Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie jedermann. Sie hatte als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen und Blumensträuße überreicht, wenn eine hohe Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf Jahren hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle mitgewirkt. Mit vierzehn Jahren bekam sie einen Preis bei einem Schwimmfest. Wer sollte Jenny Florian nicht kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße, zwischen fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn Jahren malte und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung arrangierte eine kleine Ausstellung ihrer Arbeiten, und die Kritiker der Zeitungen schrieben anerkennende Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny Florian beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte in einigen kleinen Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny Florian nicht kennen? Man prophezeite ihr eine große Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer Vaterstadt, und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine berühmte Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin, vielleicht Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte Sängerin? Denn es war bekannt, daß Jenny eine wunderbare Stimme habe. Erschien sie nur auf der Straße, so wandten sich alle Leute nach ihr um.

Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort war, wo Jennys große Begabung sich entwickeln konnte. Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf seine begabte Tochter, sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg. Dann aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu widmen.

In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky kennengelernt, und in Berlin hatten sie sich natürlich wieder getroffen. Katschinsky hatte in dieser Zeit einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter brachten einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde er anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm auf. Katschinsky begleitete sie in die Museen, er führte sie in die Theater, erzählte ihr Interessantes über diesen und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch. Er führte sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten, Schriftstellern vor, führte sie in verschiedenen Ateliers ein. Er war ein unschätzbarer Mentor. Mehr als das: er liebte sie.

Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten. Schon seit einigen Monaten hatte sie es sich vorgenommen und immer gezögert. Von Woche zu Woche. Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich von ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken. Ihr Urteil war rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß sie die Persönlichkeit des Freundes überschätzt hatte. Sie sah plötzlich seine Fehler und Schwächen. In den Zeiten, da sie ihn zu lieben glaubte – denn in Wahrheit hatte sie ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen Zeiten hatte sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du hast den Mund eines Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes, blondes Haar geliebt, nun aber fand sie, daß dieses Haar zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch vor Monaten hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen. Es gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr aber wußte sie, daß Katschinsky nichts war als ein Egoist, der nur an sich dachte und an nichts anderes. Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war in Verlegenheit, er versicherte, kein Geld zu haben, aber doch ging er da und dort hin, in dieses Café, in jene Diele. Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den er entbehren konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie mit Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß es ihm nicht, daß er einmal Geld von ihr borgte, um, wie er sagte, einem kranken Freunde beizuspringen. Sie gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das Geld von ihr geborgt hatte, um auf einen Maskenball zu gehen. Sie erfuhr es ganz durch Zufall. Sie erfuhr aber auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei mit einer Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen Geld nahm. Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man seinen Worten nicht vollen Glauben schenken konnte. Oh, mehr als das, es wurde ihr klar, daß er fast immer log. In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen Freunden eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen, in Zukunft diese Kreise zu meiden.

„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen Bekanntschaften und Ambitionen.“

Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den einst Vergötterten gesehen hatte.