„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“
„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch wird sich demütig zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie nur Mut haben. Und Sie werden diesen Mut haben. Auf Ihre Gesundheit!“
Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam ihre Wangen mit einem zarten Orangehauch, der Wenzel entzückte. Es ist ein Rot, wie es Ziegelsteine abfärben, dachte er.
„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er fort, „weil sie feige sind! Es wird sich also darum handeln, Fräulein Florian, daß Sie alle Ihre Fähigkeiten steigern und meistern. Sie haben viele Talente, erwidern Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich gestehe es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre Talente interessiere. Ich selbst bin ohne jede Begabung, wenn man es nicht eine Begabung nennen will, daß jemand mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine Kunst für Kinder und Schwachsinnige, nicht mehr. Um so mehr ziehen mich Menschen mit Talenten an. Endlich also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die eine Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. Später brauchen Sie weder mich noch den Teufel! Ihr ganzes Dasein muß auf die Pflege und Schulung Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es ausartet, mißverstehen Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. Ein paar Jahre zähester Arbeit – hören Sie! –, und die Welt liegt zu Ihren Füßen, ich weiß es.“
Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos an sie?
Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen beginnen wir, Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß Sie auch tanzen? Schön, damit werden wir anfangen. Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden Lehrer für Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. Sie werden täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. Meine Pferde stehen sich die Beine lahm im Stall. Sie werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten Hotel oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese Dinge sind nicht unwesentlich und spielen eine größere Rolle, als Sie vielleicht ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt sein, Sie werden sich disziplinieren. Ohne Disziplin ist nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies, dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner Leitung anvertrauen?“
Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche Kraft des Willens, und sie begann plötzlich Wenzel Schellenbergs Erfolge zu begreifen.
„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu sein –“ Plötzlich änderte Wenzel den Ton. „Da fällt mir ein,“ sagte er, „wo ist der Vertrag der Filmgesellschaft? Darf ich ihn sehen? Man kann nie vorsichtig genug sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es ist gut so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, den Sie spielen, ein besonderes Honorar erhalten und dazu ein Fixum. Werden Sie mit zweitausend Mark im Monat reichen?“
„Aber gewiß.“
„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde als Ihr Wächter hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit dem Schwert. Ich glaube nicht an die Liebe, Fräulein Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und schätze sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute Kameraden werden.“