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Lise war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um sechs Uhr sollte Frau von dem Busch in Berlin eintreffen. Trotzdem Lise sich schon am frühen Nachmittag fertig gemacht hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem großen Glück mußte der Zug einige Minuten Verspätung gehabt haben. Die Reisenden strömten gerade über den Bahnsteig.
Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt in Mantel und Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen zu breiten Rand. Dazu trug sie einen Schleier. Frau von dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant zu kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin. Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material.
Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese Bewegung erschien Lise ungnädig und ungeduldig.
„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte in die Arme der Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet habe, aber das Auto hatte eine Panne.“ Sie log zu ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war.
„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch, die mit großer Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge behielt. „Hier, Träger Numero zweiundvierzig, nehmen Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht, Lise.“
„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“ Es schneite in dicken Flocken. Aber die Flocken zerrannen sofort wieder auf dem Pflaster.
Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt.
„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau von dem Busch, und ihre Stimme wurde klar und sicher. „Die Ankunft ist immer das Schlimmste. Wie geht es zu Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen, um deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“
„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden ist, Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte nicht, daß ihre Mutter schon im Wagen von diesen unerquicklichen Dingen spreche.