„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei und dazu das Rheuma. Der Winter war sehr schlecht.“
Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie lange wird sie bleiben wollen?
Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die Großmutter im Treppenhause. Sie hatten länger als eine halbe Stunde vor der Tür gewartet. Als sie die Großmama erkannten, stießen sie ein lautes, freudiges Geheul aus.
„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte sie Frau von dem Busch. „Was sollen die Leute sagen? Kommt erst herein!“ Sie herzte und küßte die Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch endlich wieder, und wie reizend sie euch herausgeputzt haben.“
Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter vollkommen hin. Sie schmiegte sich mit ihrem ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre herabgestürzt, hatte man sie nicht festgehalten.
Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er wand sich abwehrend, so gut es ging, ohne daß es allzusehr auffiel, in den Armen der Großmutter. Er liebte es nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte, entstand ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von dem Busch hatte einige dünne Härchen auf der Oberlippe, die für gewöhnlich aber niemand beachtete.
„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“
Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den Pelzkragen hatte sie abgeworfen. Ihr Hut saß etwas schief von den Liebkosungen der Kinder.
„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus. „Marion hat genau solche hübsche rote Backen, wie du sie hattest, Lise. Jede ein Apfel. Gerhard sieht nicht so wohl aus. Das ist ein ganz anderes Gesicht,“ sagte sie zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber ahnte, daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit einem argwöhnischen Blick an.
Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade in den Mund. „Und du, wie heißt du?“ wandte sie sich plötzlich an das Zimmermädchen.