Für Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit und Vergnügen. Dazwischen eingeschoben ein paar Stunden Schlaf. Er befand sich unausgesetzt in einer Art Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den Abenden und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber er zog die leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, die lachen machten, die ihn sättigten, ein Rausch von Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge verschob er auf später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht mehr die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im Rennen zurückfalle, wie alle, und dann habe ich immer noch Zeit genug, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh, er liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches Tempo haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren Musik dahinfegte. Eine rumänische Zigeunerkapelle, die er in einer Bar entdeckt hatte, mußte bei seinen Einladungen aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese Lieder soll man spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben – sollte! Denn ich sterbe nicht!“
Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, herauszufinden, wo in Berlin „etwas los war“. Irgendeine besondere Varieténummer, irgendeine Tänzerin, die gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein Clown, über den man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit.
„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie müssen sich mehr umtun.“
Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit Bällen balancierten, wurde er fast böse. Stolpe klopfte die Theater in den Vororten und im Osten ab. Da gab es zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken, etwas Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, etwas außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine Tänzerin oder Sängerin, die Schellenberg interessieren konnte.
Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren die offiziellen, bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde mit ihren Frauen erschienen. Das war notwendig, aber Schellenberg langweilten diese Abende maßlos. Dann gab es die intimen Einladungen für seine Freunde, bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. Die Gesellschaften währten bis zum frühen Morgen, und es ging hoch her.
Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel die Lust an, ein Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu geben. Der leuchtende Himmel, den er über den Häuserschluchten glühen sah, verlockte ihn. Stolpe schrieb die Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die Vorbereitungen zu treffen.
Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz besondere Bewandtnis. Es war ein altes Jagdschlößchen, und Mackentin hatte vor dem Kriege bei einem Manöver einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß Baron Müncheberg, der Besitzer von Hellbronnen, das Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel kaufte es, ohne es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die Zeit fand, es zu besichtigen, war er entzückt.
Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten eines alten Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr als hundert Jahren geschaffen. Das aber war nicht alles, es gab in diesem Park Wandelgänge, Taxushecken, romantische Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das Jagdschlößchen spiegelte sich in einem stillen, kleinen See, der drei kleine Inseln hatte. Auf diesen Inselchen waren Pavillons errichtet, und zwei der Inseln waren durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander verbunden.
Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons von seinem Architekten Kaufherr instandsetzen lassen.
Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte bis heute noch keiner der Gäste vergessen. Wochenlang sprach man davon. Eine Schauspielertruppe hatte auf der kleinen Naturbühne einige Szenen aus dem „Sommernachtstraum“ gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“, das wäre ja langweilig gewesen. Ein Feuerwerk lohte über dem See. Kurzum, es war unvergleichlich. Gegen zweihundert Gäste waren anwesend.