Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt, und sie nahm Reitunterricht. Jeden Morgen ritt sie im Tattersall. Sie fühlte sich leicht und frisch, war entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten Augen und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung die völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte. Sie fühlte jede Bewegung, jede kleinste Muskel. Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß, sie empfand es fast als Wollust.

Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann war eine schlichte, immer begeisterte Seele von einer grenzenlosen Geduld und Güte. Wenn er mit ihr arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte, ließ wiederholen. Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, zu gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann sie vor dem Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen lernen, wie sie sich gefilmt ausnahm. Die ersten Aufnahmen hätten Jenny fast entmutigt. Doktor Brinkmann hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. Nun begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder Schritt, jede Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. Doktor Brinkmann selbst malte ihr das Gesicht, wie die Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war keine Hast mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, das Auge glänzte und flammte leidenschaftlich.

„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut aus. (Sie ahnte nicht, daß er ein besonders hohes Honorar von Wenzel für seine Arbeit erhielt.)

Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen Spielfilm in Italien aufnehmen lassen.

Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, sie fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte sie irgendein Lichtspieltheater, um zu beobachten, zu lernen. Langsam schien sich ihr auch diese schwierige Kunst zu erschließen.

Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen –, um die Stunden und Tage zu töten, da sie Wenzel nicht sehen konnte. In den Theatern, Bars und Weinstuben, die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war glücklich, wenn er allein mit ihr speiste. Dann aber verging der Abend so schnell, und wenn sie allein war, überfiel sie die Qual der Trennung von neuem mit schrecklicherer Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. Er bat sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei Stunden am Apparat, sie stampfte mit den Füßen vor Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich Stolpe, Mackentin, Goldbaum oder sonst jemand.

Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft mit Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. Nun aber fühlte sie zum erstenmal in ihrem Leben, was Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe keine Freude ist, sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes zu denken. Sie schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte diese Briefe nicht ab. Sie fürchtete sein Lächeln, und auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr als Sentimentalität.

In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich gegen ihre Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der Einsamkeit der schlaflosen Nächte zeichnete sie sich sein Bild, und sie übertrieb alle seine Eigenschaften. Sie machte ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger, brutaler, herzloser, sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf, aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein anderer Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch von Wärme auf sie eindrang, ein Freund, der seine Freundschaft eher verbarg als zeigte, der fürsorglich war und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte. Oft schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen verschlang, und in der gleichen Minute erschien er ihr wie ein großer Knabe, der herzlich lachte und dem man nicht böse sein konnte.

Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? Sie versuchte ihn zu ergründen, vergebens.

Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie man es nennen wollte, war geschehen. Es gab für sie kein Zurück mehr. Wie zitterte sie, wenn sie seinen Schritt hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür hereinkam! Er hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein wären. Sie sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur noch die eine Frage: Wann? Aber Wenzel hatte nie Zeit.