„Haben Sie viel gearbeitet?“
Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte er und polierte sorgfältig die Nägel, „ich habe fast nichts gearbeitet, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, Weidenbach, aber ich hatte nie eine große Energie. Wozu auch? Im übrigen habe ich nicht die geringste Begabung.“
„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief Georg erstaunt aus und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal.
Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose Glaube an sein Können, der so deutlich aus Weidenbachs Lachen klang, hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt. Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er, „ich habe es einmal geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein Talent habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht haben. Ich müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt mir die Energie.“
„Was tun Sie also?“
Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher Junge, Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände mit Puder einrieb. „Es ist möglich, daß Sie einmal ein großer Künstler werden, gerade weil Sie so einfach und aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. Meine Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die sie mir hinterließ, verkauft. Für den Erlös habe ich mir Garderobe angeschafft. Ich tat das nur aus Eitelkeit, aber es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste war, was ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, daß es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern gibt, die elegant gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, elegante Schuhe –, und man weiß nicht, wovon sie leben. Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre Gesichtsfarbe ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern auch nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm spazieren und trinken in den Hallen der vornehmen Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben all diese jungen Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht verraten. Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn Sie sich so kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie die Möglichkeit, in ihre Geheimnisse einzudringen.“
„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den Maler ungeduldig und sah ihn mit einem neugierigen Blick an.
„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein eitles, zynisches Lächeln umspielte seinen schönen Mund. „Das ist nicht so leicht gesagt. Nun, wir leben, und wir leben nicht schlecht. Können Sie tanzen, Weidenbach, gut tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, um fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar Schritte, man wird Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und Liköre servieren, und wenn Sie besonders gute Figur machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden erfahren, daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit einer hübschen Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden Tadel gekleidet ist, ganz umsonst zu Abend speisen kann.“
„Ist es möglich?“ fragte Georg.
„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die Verblüffung dieses armen, abgehetzten, bleichen, vom Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen bereitete. Er schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf und ab zu gehen, und in seinem Gang drückten sich Befriedigung über die tadellose Kleidung und jenes Wohlbehagen aus, das eine sorgfältige Toilette bereitet. Sein schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen Lächeln, während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, knüpft Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und dort eine hübsche Dame, die einen in ihr Haus einlädt. Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl sein. Und dann, das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge von Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, wenn man es versteht. Aber, um ehrlich zu sein, Weidenbach, darin bin ich noch Dilettant. Ich habe einen Freund, früherer Offizier der russischen Garde. Oh, der versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die Hand, so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, so lebt man also. Und wenn man so leben kann, weshalb soll man sich anstrengen? Kunst – wer will heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer versteht etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“ Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen und blickte Georg nachdenklich an. „Es gibt übrigens noch etwas, womit man mühelos Geld verdienen kann!“ rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert, aus. „Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für Sie!“