„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du eine Beschäftigung hast. Vielleicht komme ich auch bald zu dir hinaus. Uns allen hier, die wir die Fahne der Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem Preise! Katschinsky hat sich in den Film gerettet und scheint eine Zukunft vor sich zu haben. Allen andern aber geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von bekannten Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um den andern verkauften und verpfändeten, um das nackte Leben zu fristen. Eine junge Geigerin, Meisterschülerin eines berühmten Virtuosen, spielte jeden Abend für zwei Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer zeichnete für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. Die guten Theater brechen zusammen, die Filme und Revuen triumphieren. „Was soll werden?“ rief Stobwasser aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst in diesem Lande zugrunde gehen –?“
15
Im Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz nach Mittag sprang er, in äußerster Erregung, aus dem Zug, um sich augenblicklich nach dem Norden der Stadt zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. Hier sollte der Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline wenden und sagen, er käme von Fräulein Florian.
Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes Mädchen, das, die Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen Händen hinter dem Schenktisch Gläser spülte. Sie gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene zu zeigen.
„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte Pauline wiederum gähnend. Und nach einigen argwöhnischen Blicken fügte sie hinzu: „Nun, hoffentlich bringen Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte hat ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. Gehen Sie Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel drei Treppen, Agent Lederer.“
Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die Straße entlang, und bei Nummer dreiundzwanzig blieb er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er dieses Haus in seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender, bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten.
Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, links ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen Scheiben. Der Torweg wimmelte von krank aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern. Verwahrloste Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. Halb von Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, gemartert von dem Gedanken, daß Christine in einer derartigen Hölle hausen sollte, kletterte Georg die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte von Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen der Ausgüsse und schmutziger Küchenlöcher. Und wieder Kinder, krank, verkommen, auf dünnen verkrümmten Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das ganze Haus bebte von Geschrei, Lärm und zugeschlagenen Türen. Es schien von Hunderten von Familien bewohnt zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit sie hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger Klumpen Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber und stieß ihn derb an, während sie ihn mit frechen verquollenen Augen musterte und lachte.
Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien. Die Arbeit hatte ihn gestählt. Er war an manches gewöhnt, und doch begann er in dieser Höhle des Elends zu zittern.
„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu.
Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten schmutzigen Tür angelangt, nahm er seine ganze Kraft zusammen und klopfte einmal, zweimal. Dann lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu verzehnfachen.