Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Ein junger Mensch, fast noch ein Knabe, mit stechenden, frechen Augen erschien. Sein Gesicht war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß bedeckt. Er trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig.

„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und kurz. Neben ihm tauchte argwöhnisch das Gesicht einer aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren Haaren auf. Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine lange Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das Gesicht gespalten.

Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung verlor. Er verbeugte sich höflich und sagte, daß er von Fräulein Florian käme und Fräulein Christine März einen Brief zu übergeben habe.

„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden froh sein, wenn wir sie endlich los sind. Bringen Sie Geld?“

„Ja, ich bringe Geld.“

Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, übelriechenden Korridor. Georg, fast von Sinnen, konnte sich später niemals mehr an Einzelheiten erinnern. Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah:

Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, fremde, unwirkliche Stimme sagte: „Herein!“ Es war nicht Christines Stimme. Es war ein fremdes, verwahrlostes Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf einem niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen Strumpf stopfte, blaß, schwindsüchtig, mit großen, glühenden Augen. Fast wie eine Wahnsinnige sah sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die Strumpf und Nadel hielten, blieben ganz in der gleichen Haltung. So saß sie und staunte ihn an, wie eine Wachsfigur. Wie lange? Georg konnte es niemals sagen.

Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses fremde, regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt und vor ihr in die Knie fiel: es war doch Christine.

Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr aus. „Bist du krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte nicht einmal selbst seine Stimme.

Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden Augen an, ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er stammelte verwirrte Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er verzweifelt. Nie in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche Minuten. Er war dankbar, daß er sich später nicht mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein Entsetzen blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für immer.