Es lebe die Kameradschaft!
Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen hinaus, wie ein Leuchtfeuer in die Finsternis des Meeres. Tausenden und Abertausenden von erschöpften, ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen.
Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: in Wahrheit, es sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! Es war ja unsinnig, daß auch nur ein Mensch hungerte, setzte man alle Kräfte richtig ein. In Wahrheit, die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie sollten, soweit es möglich war, völlig von der Erde verschwinden! In Wahrheit, über allen Religionen und Bekenntnissen, über allen Rassen und Nationen sollte versöhnend und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft thronen.
In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure Organisation geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland umspannte und die Aufmerksamkeit des Auslandes und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne Pause war er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen, Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die Widerstände der Bureaukratie zu brechen, den Argwohn und die Eifersucht politischer Parteien, steril und ohne schöpferische Kraft, zu überwinden.
Worum aber ging es?
Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel an Nahrung zu entreißen, als es möglich war. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft und Technik boten. Es ging um die Industrialisierung der Landwirtschaft und des Gartenbaus. Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend freien Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. Es ging darum, alle in Zeiten industrieller Krisen brachliegenden Arbeitskräfte nach einem großen, einheitlichen Plan produktiv zu verwenden.
Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, und er hatte besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem Teil des Planes zugewandt, der sich mit der produktiven Verwendung brachliegender Arbeitsenergien beschäftigte. Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen Stagnation Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen und ihnen eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die sie gerade vor dem Verhungern schützte. Es schien sinnvoll und naheliegend, mit dem Aufwand der gleichen finanziellen Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte schöpferisch zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, das ohne Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur abhing: das war der Boden! Er gab allen Arbeit – selbst jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft besaßen, selbst den Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre ganze Arbeitskraft erreicht hatten, der Jugend.
Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien zusammengefaßt und zur inneren Kolonisation nach einem großen Plane verwandt, mußten Wohlstand und Glück erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf Millionen Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und systematisch angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten jedem Menschen Behausung und Garten. Es schien ihm an der Zeit, daß die Menschheit den Kampf gegen den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt und demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie den Krieg organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant hatte das Wort geprägt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut, gut. Michael Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. Das allein erschien ihm die Wahrheit.
Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich schwer, die Probleme waren ohne Zahl. Je näher man ihnen kam, desto ungeheuerlicher wuchsen sie in die Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut verloren. Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter Köpfe hatte sich um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, die seine Pläne förderten. Ein Deutschamerikaner, der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte sich so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein ganzes Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang gemacht war, strömten ihm begeisterte Mitarbeiter von allen Seiten zu. Hunderte von jungen Architekten, Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern, Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit an. Er griff freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, die helfen konnten. Das Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, alles. Er sammelte die mannigfachen Siedlungsgesellschaften und Vereinigungen, die, zersplittert, systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche Ziele verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte die Gesellschaft ihre Niederlassungen. Und die Gesellschaft wuchs täglich!
Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, brauchte ein großes Ziel, und Michael gab ihm dieses Ziel! Er blickte nicht zurück, er wies in die Zukunft – und schon strömten ihm die Verantwortungsvollen, die Begeisterungsfähigen, die vom Kameradschaftsgedanken Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren Organisationen. Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. Selbst die Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge strichen Ziegel, an der Nordsee transportierten sie Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen Ödländereien. Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen hallten wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen umzuwandeln.