„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die Waffe gegen dich erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht, damals war ich gewiß nicht Herr meiner Sinne. Ich hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich wollte die Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die Wahrheit. Vielleicht wollte ich, um dich zu ängstigen, einen Schuß in die Wand feuern. Nun, es war geschehen. Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich verstand nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und nahmst die Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr ein Mensch wie andere Menschen, ich hatte keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz dir. Ich war eine Leibeigene geworden, so empfand ich es.

Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen verbrachte. Ich weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, ganz automatisch tat. Ich stand hinter dem Verkaufstisch, legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch betete ich unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob ich auf der Straße ging oder im Geschäft war oder auf meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich, daß Gott dich dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß nicht, wann ich schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art von Ohnmacht.

Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun keinerlei Gefahr mehr bestände für dein Leben, erst dann konnte ich wieder atmen. Denn bis dahin war mir die Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz kurze Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. Nun atmete ich wieder.

Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber weinte ich sehr viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet warst. Und jeden Tag am Morgen und am Abend dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet erhört hatte. Es ist wahr, Gott weiß es.

So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es war Sommer, und ich ging viel spazieren. Ich hatte mich von allen Bekannten losgesagt, und so kam es, daß ich immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam mich plötzlich das Verlangen, unter heiteren Menschen zu sein. Dieses Verlangen war gewiß harmlos, aber so begann es.

Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete ein junges Mädchen, ein lebenslustiges Geschöpf, voller Übermut. Sie hieß Susanna. An Susanna schloß ich mich an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen, um zu tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und heiter war, während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus lagst. Aber ich konnte nicht widerstehen. Hier nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei früher russischer Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck seiner Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er erzählte interessante Dinge, war düster und immer etwas melancholisch. Das zog mich an. Er warb um mich, aber ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme, wenn ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So kämpfte ich wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. Es war oft wie eine Raserei in mir, und so geschah es also. Ich habe dich damals noch besucht, aber ich sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die Hand reichte. Ich verachtete mich.

Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig vor dem Potsdamer Bahnhof verabredet. Er kam nicht. Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich fragte in seinem Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. Ich freute mich über diese Züchtigung.

Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des Blutes, mächtiger als alle Vorsätze, als alle Eide, als alle Gebete. Ich zitterte auf der Straße unter den Blicken der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich ins Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder ging ich häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen Mannes, eines Schriftstellers. Er sagte, er käme nur in dieses Tanzlokal, um Studien zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht gut. Aber er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er lud mich zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter erzählen – ich wurde seine Geliebte, und ich verachtete mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem besten Wege, sagte ich mir, von einem gehst du zum andern.

Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. Den ersten Brief, den du in dieser Zeit schriebst, habe ich noch gelesen. Die andern habe ich ungelesen verbrannt. Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr existieren für dich. Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen. Und doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich selbst dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden.

Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, vor seinem Hause, er kam mit einem Mädchen die Treppe herab. Er blickte mich an, ging an mir vorüber über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich schämte mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. Ich verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie du es verdienst, sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand ich es als eine große Genugtuung.