Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war in mich gefahren? War mein Blut vergiftet? Ich weiß es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel mich, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn ich mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel stürzen würde, um darin umzukommen.
In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde entlassen. Das kümmerte mich wenig. Ich suchte mir einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es war ein Gutsbesitzer aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich nahm einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der an mir hing und seinen letzten Pfennig für mich opferte. Ihn betrog ich. So also lebte ich nun. Soweit war es also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und verzweifelt. Nie in meinem Leben, noch wenige Wochen vorher, hätte ich es mir auch nur in einem bösen Traum einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich verstand mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? Wie sind sie? Was beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln sie? So wie ich log und heuchelte? Die guten Geister, die mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich verlassen, und ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen.
Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine Kraft mehr. Nur den Genuß wollte ich, die Betäubung. Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny Florian. Es war auf einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie konnte nicht sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie fragte nach dir, und ich erzählte ihr, du seiest gestorben. Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde ein, und ich zögerte nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt schließlich alles einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es nicht an.
In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich hatte ich untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden sollte. Ich nahm auch dies als Züchtigung des Himmels hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende noch rascher herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun liebe wie nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es nach meinem Willen gegangen, nicht leben. Hier muß ich dir sagen, daß ich nicht annahm, daß es dein Kind sei. Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu helfen. Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! Und plötzlich erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja dein Kind!
Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick die tiefste Finsternis. Nun war ja alles nur um so fürchterlicher, um so schrecklicher geworden. Es gab nun keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur das eine übrig, mich selbst zu vernichten.
Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich wollte es zuerst ermorden, denn was sollte das Kind mit einer solch verworfenen Mutter? Dann aber weinte ich über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich war halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich mich an Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß du gestorben seiest. Ich sagte ihr, daß ich mich unwürdig fühle, noch deine Freundin zu heißen. Ich bat sie um Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie, niemandem etwas zu sagen. Sie hielt Wort.
Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. Ich fieberte stark. Der Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen und ich müßte sofort in ein Sanatorium. Ich lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, wenn ich merkte, daß es mit mir zu Ende ging, Jenny Florian dein Kind zu schicken.
Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde nur schwächer und immer schwächer. Meine Freunde wandten sich von mir ab und überließen mich der Not. So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte auch nicht einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte meine Kleider, das bißchen Schmuck, das ich besaß. Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich hingehörte. Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir nach. In der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. Schließlich schrieb ich wieder an Jenny Florian, da ich völlig verzweifelt und ganz von Sinnen war – und da kamst du!“
Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und es war dunkel geworden. Furchtbar und erschreckend standen schwarze Wolkenhaufen über der Heide. „Das also bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. Sprich nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. „Sprich nicht! Erwidre nichts! Nach Worten sollst du mir antworten!“
„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. „Wir wollen alles vergessen, was gewesen ist. Wir wollen vorwärtsblicken und nicht zurück.“ Er wies auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog sie leise an sich.