Drittes Buch

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Im Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland, England und Amerika. Als er zurückkehrte, sah es in Deutschland schon winterlich aus. In Kuxhaven schneite es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein.

Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in die Arbeit. Er hatte Pläne mitgebracht, du lieber Himmel. Selbst Goldbaum, der an manches gewöhnt war, verschlug es die Sprache. Tochtergesellschaften in England und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer Konzern riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber auch in bezug auf Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen. Feste, Spiel, Theater, Frauen. Die Wochen flogen dahin.

In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der Gesellschaft Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder, Umhänge, Mäntel gekleidet.

Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und einem dicken holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten und unterhielten sich vorzüglich – plötzlich aber rauschte eine Dame durch den Saal, die alle Blicke auf sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie war schlank, groß, ihr fast magerer Körper in eine kühne, extravagante Robe eingehüllt. Ihr Profil, hochmütig in die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei hagere Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner. Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang, die ganze Verwöhntheit und Arroganz ihrer Kaste umgab sie.

Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich horchte er auf. Er kannte diese Stimme, obschon sie englisch sprach. Und plötzlich fiel ihm ein, wer diese Frau war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten.

Seine Augen begannen sonderbar zu brennen.

„Oh,“ rief der dicke Holländer bewundernd aus.

„Wer ist diese Dame?“ fragte Jenny, der Wenzels Erregung nicht entging. (Später erinnerte sie sich deutlich der Beklemmung, die sie in diesem Augenblick befiel.)