„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die Gunst des Portiers mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und hier kommt der Schlitten!“
Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er, wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen schließen.
Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt, fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit. Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel.
Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich, gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels Geschmack.
„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte Stolpe eifrig und führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.
Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu Tisch führten.
Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern, Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen Mund.
„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein Zeichen.
Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen erobern, koste es was es wolle.