„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht ganz eng herum,“ erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie: „Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“
Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!
Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft einzureihen.
Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf, manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß, aber ...
5
Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen – es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem, lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener Person!
Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr die Blicke der Menschen.
Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen. Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs.
„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft zu. „Er wird Sie zu sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.“ Und Esther zog die zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich auf dem Bob zurecht.
„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren, schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu, als sie vorüberglitten.