Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der großen Theater sie nie erlaubt hätten.
„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,“ sagte Wenzel.
Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie können mich betrachten, solange Sie wollen,“ antwortete sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie über Ihre Entdeckungen sprechen.“
Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half, ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.
Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen Scheiben der Nachtportier starrte.
„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd und zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.
8
Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris zu stürzen.
So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther Weatherleigh, und da war Paris.
Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.