Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“
Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was er alles gesehen hatte!
„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde von allen Seiten beglückwünscht.“
Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte. „Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen sollte in „Neuland“ die Heimat finden.
Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen, Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung kein Ende.
„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“
Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der Siedlung mußte vorgesehen werden.
Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu ernähren.
„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“
Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete Stadt vor sich.