„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“
„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.
Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig das Kind schlief!
10
Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder nach Berlin zurück.
Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand. Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber, der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre Zeit verfügen konnten.
Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand und qualmte auf einem Stück Papier weiter.
Was war das?
Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf Scheidung eingereicht.
Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen zu bedecken. „Sie wollen euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen.