„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten. Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.
Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen – einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen, Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von ihm.
Dieser Brief!
Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen, um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er „sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn? „Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...
Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte vergiften können.
Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt, überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.
„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm Wenzels Schreiben.
Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.
„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine solche Roheit niemals zugetraut.“
„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne verwirrt.“