Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.

Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.

Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.

„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.

Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“

Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht arbeiten.

Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.

Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich Mackentin zurück.

15

Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang, und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los wäre.