Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um Vorschläge, gewiß würde ihr selbst noch manches einfallen. Und Esther eilte wieder nach Berlin zurück, um die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, das sie geben wollte. –
In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von dem die Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in dieser gleichen Nacht starb fern von Berlin der alte Raucheisen auf seinem Schloß Charlottenruh an der Ruhr.
Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, eine vorübergehende Schwäche des Herzens. Der Arzt war ohne jede Besorgnis. Er schlief fest und tief in seinem Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die Nachtwache hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich zu wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte.
Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden lang ganz vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich und setzte sich hastig aufrecht und lauschte. Eine matte Ampel erhellte den Raum. Ein kleines blasses Männchen, saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht einmal so groß wie ein Knabe, fast wie ein Kind sah er zwischen den schweren dunkeln Vorhängen aus. Dieses Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig vor. So saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es waren die Hände eines Toten.
Und er lauschte.
Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad der Zeche Charlotte Raucheisen in der Luft schwirren. In der Nacht sah er die Hochöfen flammen ringsum, es war das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch, wenn er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge aus den Öfen quellen, von feurigen Männern umtanzt. Er sah Glut und Rauch am Himmel, als lohe eine Feuersbrunst. Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen Jahren, ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn.
Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne Ebenen. Das waren die Siedlungen, die er für seine Arbeiterschaft geschaffen hatte. Hunderte von Morgen Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte diese Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften abgebildet als vorbildliche Einrichtungen – aber niemand hatte es ihm gedankt. In jenen Tagen, da die Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor erschlagen, und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand im Zuge schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf stand: „Ich bin der Blutsauger Raucheisen.“
Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. Es waren Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, längst vergangen. Alles war wie früher.
Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den dunkelblauen seidenen Vorhängen, da unten, da liefen die Stollen und Querschläge. Da unten waren jetzt sechshundert Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken klingen? Und kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? Oh, der alte, kleine Mann sah die Lämpchen wandern. Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett, in siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, von einer Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten im Ruhrgebiet. Dieses Flöz war der Reichtum der Zeche. Hier unten hatte der kleine, bleiche Mann vor mehr als fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er praktizierte, nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier herauf. War das nicht sonderbar? Wie der Berg heute den Schall trug! Und wie die Scharen von Lämpchen hin- und herwanderten, wie sie zwischen den Verschlägen und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. Und der Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen Männer.
Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken klingen, nun klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben ihm. Hunderttausende von Stahlpicken hämmerten ringsum, und der kleine, bleiche Mann lächelte verzückt. Da waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie arbeiteten, immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten sie, und sie arbeiteten alle für ihn.