Nun, wenn nicht hier, so anderswo.

Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.

Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen. Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte?

Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.

Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran, so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.

Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang, Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude, Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.

Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so geschah es in jeder Nacht.

Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die ganze Nacht aufrecht.

7

An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte der Husten bis zum Boden.