Georg erhob sich, um zu gehen.

„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, „bleiben Sie bei mir. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich reden kann. Ich werde Sie nicht mehr mit meinen Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer Christine sprechen.“

Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit seiner Frau ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen gebacken – ah, fein! Dann aber habe sie ihre Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer und habe sie ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, dunkler gekommen, vielleicht ein Russe. Er kam immer in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise ...

Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, daß der Schlosser ins Leere griff, als er mit den beiden Fäusten nach ihm langte.

6

Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen.

Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten Kräfte ab. Er wehrte sich.

Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf, treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde tapfer.

Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten Deutschlands.

Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du, dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer, glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen, abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den Kopf. So war es also nichts.