Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen, daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte zu erledigen.

Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer von neuem: „Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war sein ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.

Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr Gäste gekommen zu sein.

Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie!

Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen, die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in den Augen an.

Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht.

„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!“ knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar rächen!“

Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau, unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt.

Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte.

„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder und wieder aus, mit verzerrten Zügen.