Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags.

Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den feuchten Blättern durch die Straßen rannten.

„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf Schellenberg!“

Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den Gründer und Leiter der Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen keinen Anlaß.

Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar.

Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe bei der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt!

Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch nicht finden konnte.

Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker.

Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten, lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten, wiederhergestellt sein.

Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen.