„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,“ antwortete Michael und schüttelte den Kopf.

29

„Bald!“ sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte Esther nach, die in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, über den Korridor schritt und sich von der Zofe in den Abendmantel hüllen ließ.

Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, seitdem er wieder in Berlin war. In seinem Bürogebäude zitterte man, wenn man ihn von weitem sah. Wenzel war laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte sich daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich anhörte. Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. Die Abteilungsvorsteher näherten sich auf Zehenspitzen seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn umwölkt, die Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, wenn er laut und ärgerlich wie früher gewesen wäre. Häufig streifte ein forschender Blick Mackentins Wenzels kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete er? Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er wußte, daß etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging.

Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende wieder in den Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. Er saß immer allein. Er vertrug keine Gesellschaft. Er spielte auch nicht mehr Schach.

Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie häufig kam es vor, daß Wenzel um zwei, um drei Uhr nachts sein Büro betrat, um stundenlang auf- und abzugehen. Worüber grübelte er?

Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. Wie sonderbar, Wenzel schien gut gelaunt wie früher. Er plauderte und scherzte, als sei nichts geschehen, als brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache. Aber Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die Verstellung heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und häufig beobachtete er Wenzels Augen, wenn er Esther nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen! Sie waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden war ein Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach.

Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, Billard und Karten. Sie rauchten, das Weinglas zur Seite, als habe sich nicht das mindeste ereignet. Aber wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, er spielte wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, daß alles nur Verstellung war. Dieses schlechte Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere.

Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, lud er Mackentin zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob er ihn brauche, vielleicht um die Ruhe zu bewahren, vielleicht um seine Rolle durchzuspielen.

Worüber grübelte er?