Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es, zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser, Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten, Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen, Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen, welche Ausschweifungen der Phantasie!
Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen, wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.
Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes, während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz erbebte.
8
Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.
Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?
Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im „Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte er ihm zur Last fallen.
Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn, als habe er ein Verbrechen begehen wollen.
Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.
Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler verschont.