Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?

Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.

34

Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft, durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.

Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat.

Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?

Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben, und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.

Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr. Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin. Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet?

Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben, furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt.

Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen, wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht schlug wie ein Fuhrknecht.