Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken, Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See. Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck. Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen konnte, ohne daß er sich wehrte.
„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich verabschiedete, zu dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken, so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken, sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit einem gequälten Lächeln.
Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden.
Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter. Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich, als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und voller Entschlußkraft.
„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ sagte er. „Dieses ganze Leben war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin ich wieder, ich kehre um.“
Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man auch kommen sollte.
Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich.
„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. „Aber auf dem Rückweg werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie kennen den Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.
Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß, Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.
Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit bestürzter Miene.