„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem Busch fort, nachdem sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt hatte. „Sie schreibt wenig, ausweichend und unaufrichtig. Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen diese Ehe eingenommen war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. Was könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie verkehrten nie in meinem Hause, Sie können also nicht wissen, wer bei mir aus- und einging, der höchste Adel und sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten Lise und prophezeiten ihr eine große Karriere, und Professor Livonius sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper sein. Ich verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all das denke. Ich habe meine Tochter Ihrem Bruder nicht gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach geraubt, geraubt wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. In der Tat hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, es war am Anfang des Krieges, und Wenzel hatte nur fünf Tage Urlaub.)
Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über den Verfall der Sitten kam Frau von dem Busch wieder zu ihrem Thema zurück. Ihre schlimmsten Befürchtungen, schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise schreibt mir, daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast alle Menschen, von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt ist diese Alte, dachte Michael zornig.) „Denn, wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle seine Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, und sie hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten, Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. Aus Freundschaft und Achtung zu unserer Familie verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein Wunder, daß einer nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, lieber Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht mehr im Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was ist mit Wenzel? dachte Michael erschrocken über diese unerwartete Nachricht.) „Weshalb? Wissen Sie den Grund? Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und ausgezeichnet bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie mir Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner Bekannten konnte ich Positives nicht erfahren, sie machten nur Andeutungen, die mich noch mehr beunruhigten. Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach Berlin gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach Bremen reisen und von dort aus nach Frankfurt am Main, wohin mich eine alte Freundin dringend bittet. Ich hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! Welch törichter Stolz, sich vor seiner Mutter zu schämen. Aber ich kann mir vorstellen, daß Lise nicht gerne über diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß nicht, ob Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir, daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen Ruhelosigkeit ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht nach Hause. In ihrem heutigen Briefe nun gesteht mir Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften abwesend ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten Erregung befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“
Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen und mit einem leichten Erschrecken gelesen. Der Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu gehen, sie auszuforschen und sodann ihr, Frau von dem Busch, ausführlichen Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine Nachricht.
Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt und beunruhigt verließ er das Restaurant.
Er beschloß, Lise morgen zu besuchen.
Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich Michael auf den Weg zu Lise. Sie wohnte draußen im Westen, in einer jener Straßen, die sich alle gleichen, in einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle verschieden sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. Neben dem Lift stand eine Bank aus weißem Marmor, auf die sich niemand setzte, weil sie eisigkalt war. Lise aber fand Treppenhaus und Bank herrlich.
Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit als es möglich war.
„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“
Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran.
„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören. Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“