Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten Raucheisen, dem Chef des Raucheisen-Konzerns, dem ein großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein deutsches Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der gegen achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel ließ seine Familie nachkommen, Lise und die beiden Kinder, und richtete sich irgendwo im Westen eine luxuriöse Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen sich die Brüder – ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im letzten Winter nur zweimal.
11
In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen, eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr.
Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich nach Wenzel umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, ihn aufzusuchen. Merkwürdigerweise dachte er in diesen Wochen häufig an den Bruder.
Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post einen umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt vorkam. Die Schrift und die grünlichschillernde Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da erinnerte er sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels war, einer Frau von dem Busch, einer arroganten und herrschsüchtigen Dame, der er am liebsten aus dem Wege ging.
Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon etwas ärgerlich. Ich habe gehofft, sie würde mir für immer böse sein, wegen unseres letzten Disputs. Sie hatten damals über Sozialismus debattiert, und Michael, den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und Faulpelze, die sich volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten mit ziemlicher Schärfe bewiesen, daß sie nicht einmal wisse, was Sozialismus sei, obschon sie ihn verdamme.
Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in ihrem Leben nichts gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten Deckchen abgesehen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie tat nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, sie verbreitete Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, Nizza, Italien, Marienbad. Ohne Unterbrechung hatte sie es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat gewesen und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. Wovon bestritt sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand wußte es. Sie hatte große Pläne mit ihrer einzigen Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz Außergewöhnliches hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt oder einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. Sie konnte es Wenzel niemals verzeihen, daß er ihre Pläne zunichte machte.
„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, nachdem er einen Blick in den Brief geworfen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Erst am Abend, als er seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant einnahm, machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht an Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu schaffen?
Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in schlechte, nervöse Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, zuweilen aber amüsierte er sich und mußte laut auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das? Wenzel?
Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß sie an Michaels gute Eigenschaften glaube, während sie bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute Eigenschaften entdecken konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe an Sie, Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn Sie auch heute vielleicht noch Weltanschauungen huldigen, die ich nicht billigen kann, ja, die ich bekämpfen muß. Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche Unverschämtheit!“ sagte Michael laut vor sich hin.)