„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten befreien. Zweitens müssen wir die Toten bergen. Drittens müssen wir sofort die Straße vom Schutt räumen, um sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres Unglück zu verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder aufbauen. Vorwärts, schafft Leute! Und sofort eine Telephonverbindung!“

Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine Anweisungen, immer in seinem verknitterten Schlafanzug. Aber niemand kam es in den Sinn, darüber auch nur zu lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht.

Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die Schallwelle der Explosion über ihn hinweggesprungen sein mußte, da sie ihm anders das Trommelfell zerrissen hätte. Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige schlaflose Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung.

Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen Versuchsgut der Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er veröffentlichte in dieser Zeit eine Reihe von Aufsätzen über Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, und so geschah es, daß Michael nach Berlin kam. Aber schon nach einem Jahre drehte er diesem Institut den Rücken zu.

Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken und erwarb ein dreihundert Morgen großes Gut in der Nähe von Berlin – Sperlingshof –, das er zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges umwandelte. Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die Schellenberg taten alles leidenschaftlich – richtete er seine Energie auf die Erde, den Boden, der, fast unbekannt, unerforschter als die chemischen Elemente, seine Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch schon Tausende von Jahren bebauten.

Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und Gartenbaus, die Michael auf Sperlingshof nicht versucht hätte. Es gab keine Maschine, die er nicht ausprobiert hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden, Regenanlagen, Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, sauber etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. Der Boden war schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. Wie eine Oase lag Sperlingshof in der kargen Landschaft. Fachleute kamen, staunten, disputierten, kritisierten. Michael arbeitete im Schweiße seines Angesichts. Die chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn monatelang. Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel eine Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. Michael bewies, daß die Großstädte jährlich Hunderte von Millionen an kostbaren Nährstoffen in ihren falsch behandelten Abwässern verschwendeten. Europa, behauptete er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter Weise die Probleme des Landbaus vernachlässigt.

Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. Plötzlich taten sich – im Zusammenhang mit ihnen – ganz ungeheure Horizonte auf. In der Einöde von Sperlingshof wurde Michael von sozialen und soziologischen Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend für sein ganzes Leben werden sollten.

Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine Lebensaufgabe erblickte!

Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. Er hatte im Osten der Stadt ein paar Zimmer gemietet. Hier arbeitete er Tag und Nacht, und Bücher, Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen Tischen.

Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im ersten Winter kam Wenzel nach Berlin, um sich eine passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel Arbeit und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast alle Abende zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft zugetan, obschon Michael in seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte.