Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im Wesen völlig verschieden von ihrem Gatten. Sie war verträumt und ging durch die Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. Sie zitierte Verse von Goethe und Heine und las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang auch jetzt noch zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, etwas zittrigen Stimme. Das aber tat sie nur, wenn sie sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten Hände und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten Jahren hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von ihm noch beachtet zu werden. Er sah sie kaum mehr, auch wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß. Nach dem Tode des Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof verfiel.
10
Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres Vaters.
Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln, oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war, und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel. Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter, verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug – ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen. Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak – groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig.
Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren richtige Teufel.
Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt und Chemiker.
Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von beträchtlicher Höhe in den Schoß.
Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden. Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen. Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft, vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können.
Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet, erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd, schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines Vulkans, surrten heulend durch die Luft.
Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte. Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor ihnen stand, seine Anordnungen gab.