Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte: „Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“
Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er glücklich. Trotz allem.
9
Die Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. Hier auf dem fetten mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, stillen, dünnbesiedelten Landschaft hatte sich vor zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut Klein-Lücke gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment genommen hatte.
Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, schweren Händen, die immer etwas rot waren, und einem kantigen, massiven Schädel. Er war früh ergraut und wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein leichtlebiger Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst des Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz plötzlich von der Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. Irgend etwas hatte sich ereignet, er sprach nie darüber. Eine Frau? Das Schicksal einer der vielen? Wer weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und es fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr schweigsamer wurde. Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, dann überhörte er sie, und schließlich ließ man ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein Lebenswandel ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren Jahren war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und war furchtbaren Zornesausbrüchen unterworfen, unter denen er mehr noch als seine Umgebung litt. Die Maßlosigkeit der Jugendjahre schien wieder durchzubrechen. Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal mit der Hundepeitsche nahezu tot.
Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, kaum vierhundert Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. Die Felder stachen gegen die Äcker der Nachbargüter derartig ab, daß man glauben konnte, der Boden sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ und Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. Wenn nur eine Schaufel am unrechten Ort stand, so begann die Stimme des Majors zu gellen. Die Ställe! Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich.
Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst im Schelten war er wortkarg. Er redete in einer Art von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit zog er sich in seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er langsam seinen Rotwein schlürfte und drei Zigarren rauchte. Nie mehr. Sein Spezialgebiet waren Werke über Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich den Großen, kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur interessierte ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht durch, aber in früher Morgenstunde war er wieder auf dem Hof.
Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten Lähmung des linken Armes und der linken Schulter. Der Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein einreiben, und als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ Schließlich ging er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, wie er angenommen hatte, es war eine Lähmung, die langsam aber stetig fortschritt.
Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. Er verwünschte sein Dasein; ohne mit der Wimper zu zucken hätte er sein Leben für sein Land hingegeben. Während der Kriegsjahre war er nachsichtig gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den Tischen in der Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des Krieges konnte er nicht verwinden. Er sprach nun überhaupt nicht mehr, zog sich völlig zurück und vernachlässigte sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des Friedens von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Man hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, mitten in der Nacht. Es war ein Laut, als falle ein Baum.
Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert durch ein verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein entsetztes Kind. Das war die Gattin des Majors. Sie hatte den dumpfen Fall gehört und wußte augenblicklich, was geschehen war.