Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er? Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt, wirklich schlecht ging.

Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld – aber mied Lises Haus. Was war das?

Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner Schwägerin lächeln müssen.

„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann solch einen Einfall haben.“

Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren.

Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“

Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr Hauptmann selbst trete ein.“

Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne?

Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar, wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp. Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der Börse.“

Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch, angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.