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In der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde im Spielsaal des Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen Gesicht da und starrte auf das Schachbrett, eine tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war leidenschaftlicher Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel faszinierte ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von Gewalten, deren Stärke mit jeder Änderung der Position wechselte. Tag und Nacht konnte er vor dem Schachbrett sitzen, und noch nach Wochen war er imstande, besonders interessante Partien aus dem Gedächtnis nachzuspielen.
Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit schmalem, hohem Kopf und grauen Schläfen. Die Nase dieses Herrn stand auffallend schräg im Gesicht. Im Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im Gesicht zu stehen schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen mit einem leisen Lächeln in Wenzels steinernes Gesicht. Er hatte dunkle, rasche, kluge und verschlagene Augen. (Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch saß in respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett ein junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem Scheitel und jugendlich roten Bäckchen, wie ein kleiner Leutnant in Zivil.
Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus noch ziemlich dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg dicker Zigarrenrauch empor. Die Börse war heute außerordentlich lebhaft und fest gewesen. Die meisten Effekten waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. Die Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen nach.
Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen Wermut und biß die Spitze einer großen Zigarre ab, ohne die Augen auch nur einen Moment vom Schachbrett zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden Nase hob zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ ein kleines Lachen hören.
„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie überschätzen die Stellung dieses Springers, und ich werde es Ihnen beweisen. Die Partie wird aber noch zwei Stunden dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben, Mackentin.“
Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer kleinen Verbeugung sein Einverständnis.
Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der bescheiden nebenan saß und sich augenblicklich etwas steifer aufrichtete, als Schellenbergs Blick auf ihn fiel. „Und nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist eine Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante Sache. Was meinen Sie, Mackentin?“
„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin und erzählte mir von der Angelegenheit. Ich dachte sofort, daß Sie Interesse dafür haben würden.“
„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu kaufen wäre? Wie groß, sagten Sie?“