„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage. Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“

Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder brachliegender Arbeitskräfte ...

Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.

Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael, und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu, daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“

Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“

„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel wurde dunkel vor Zorn.

„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“ Michael lächelte.

„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus, und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus, nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“

„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein, diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“

Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld! Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“ Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch Rettung.“