Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“

„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen. Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“

„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft, wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen, sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“

Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“ rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da, jetzt kommen die Schnäpse.“

Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel, die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort werde Wenzel begreifen –

Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen, nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube, was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“

„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte Michael voll Überzeugung und Eifer.

Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen.

„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“

Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte. Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas, was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das Glas zum Munde führte.