„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.
„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet. Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause. Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen. Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein. Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen, hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen, aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin. Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles.
Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen, aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“
Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß nicht, da sind auch deine Kinder.“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft eines Mannes braucht.“
Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist das, von dem du immer sprichst?“ fragte er.
„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“
17
Die neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze einer Zigarre ab und steckte sie umständlich in Brand. Dann legte er die Hand auf den Arm Michaels.
„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber meine Geschichte mit Raucheisen erzählen.