Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich habe es dir einmal geschildert. Raucheisens Sohn – er war der einzige Sohn des alten Raucheisen, Otto, und da ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady Weatherleigh, die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet hat –, also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr in einem Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und starb in meinen Armen. Der alte Raucheisen wünschte Näheres zu hören, und da er einer der Gewaltigen Deutschlands war, so schickte man mich hin, um Bericht zu erstatten. Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. Nun, Raucheisen entließ mich mit den Worten, daß er mir jederzeit zur Verfügung stände, wenn ich einmal irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, ‚ich bin Ihnen für immer verpflichtet‘. Schön, schön.

Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. Vier Jahre lang hatte ich den Buckel hingehalten, die Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es so schön hieß, und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. Aber Lises Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Um Himmels willen, wie kannst du, nie, niemals!‘ Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie ja, diese eingebildete Närrin!

Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, die mit ihrem Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. Irgendwo würde sich ja wohl Beschäftigung für mich finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und überall war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich hörte nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in herrlichen Stellungen. Ja, zum Teufel, wie waren sie zu diesen herrlichen Stellungen gekommen? Sie saßen die letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen zur Industrie anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen sagen, kein Wort, um Gottes willen, mißverstehe mich nicht, aber sie haben eben diese Beziehungen anknüpfen können, und diese Beziehungen haben sich schließlich prachtvoll verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum Beispiel Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung der Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie sind heute in leitenden Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. Das sind, mein lieber Freund, die guten Beziehungen. Auf deine Gesundheit!

Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig wußte und konnte wie die andern, so kam ich nirgends an. Schließlich, nachdem Lises Briefe immer jämmerlicher wurden und immer flehender, schließlich tat ich das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als das Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich wandte mich an den alten Raucheisen. Du kannst meine Gründe verstehen, weshalb ich es nicht gerne tat. Sein Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich gab ich auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, daß ich bisher in allen Punkten nachgegeben habe – nun, das ist jetzt zu Ende.

Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten Erstaunen antwortete er mit wendender Post. Drei Tage später war ich mit einem glänzenden Gehalt engagiert. Ich sage offen: glänzend, denn meine Leistungen waren anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr mußte ich anwesend sein. Um sechs Uhr steht Raucheisen auf. Es kommt der Masseur, der Friseur, der Bademeister. Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor sieben sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach sieben trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre harren auf das Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben zu erinnern, zu notieren, wir sind lebendige Terminkalender. Wir führen Unterhandlungen mit den einzelnen Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem Wort.

So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So lange, mein lieber Michael, dauerte es also, bis ich begriff – kannst du dir denken, was ich begriff –?“

Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: „Du kannst es dir nicht denken, Michael, also will ich es dir offen sagen – bis ich begriff, daß ich ein vollendeter Narr war! Wie alle andern Sekretäre und Direktoren, die sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden es nie begreifen.“

„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte Michael.

Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ erwiderte er, indem er die Gläser auffüllte. „Das sollst du gleich erfahren. Ein Narr war ich und dazu noch ein unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner Vorstellung hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert und sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu plaudern, mit einem etwas geheuchelten Interesse zwar, aber immerhin mit einem menschlichen Ton in der Stimme. Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist natürlicher? –, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. Und doch, dieser Otto Raucheisen hat mich durch und durch mit Blut getränkt, und ich mußte ihm Mut zubrüllen, weil er so schreckliche Angst vor dem Tode hatte. Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für Raucheisen ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er sah mich von dieser Zeit an kaum noch an. Er hatte eine leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach nur so leise, um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte Mann, etwas zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem Leberleiden, eine gelbe, mattglänzende Glatze mit Wölbungen und Buckeln. Du hast ihn nie gesehen?“

„Nein.“