„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. Tiefe Augengruben, eine Hakennase, breite, satte Lippen mit tiefen Rissen. Die Unterlippe ist besonders breit und besonders satt. Aber vielleicht ist das mit dem Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein Kopf sei in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen öffnet, so sieht man kleine Zähne, Puppenzähne, und seine Augen sind wie kleine grüne Glaskugeln, scharf und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist jemand, glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, so mußt du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! Das war er also: Johann Karl Eberhard Raucheisen, dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und ein Fürstentum über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er das horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit zehn Jahren war er zum vertikalen Prinzip übergegangen. Erst hatte er nur Eisen und Kohle. Dann produzierte er alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und heute hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. Der Konzern ist so groß, daß niemand imstande ist, ihn mit allen seinen Verzweigungen zu überblicken – aber Raucheisen tut es! Ich habe heute noch die größte Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“
„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“
„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und unser Verkehr vollzog sich ohne jede Reibung. Langsam aber begann ich den alten Mann zu hassen. Ich haßte seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich zusammengezogen, ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete dieser alte Mann vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Es galt, dieses große Werk zu verwalten. Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, sondern das Werk ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen Maschinerie geworden, die er aufgebaut hatte. Ich fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten Dingen. Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. Und ich begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, dieses Werk zu verwalten, sondern daß es sein einziges und wahres Ziel war, Geld zusammenzuraffen. Und das ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen hatte, haßte ich ihn noch mehr!
Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, daß er wie ein Rasender aufkaufte, mit Krediten der Reichsbank, die er mit entwertetem Gelde zurückzahlte. Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast umsonst. Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens einsetzte, wagte einer der Finanzdirektoren einzuwerfen, daß doch der Tag kommen könne, da die Mark plötzlich steigen werde. Raucheisen schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte nur sehr selten und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und dann sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. ‚Die Mark wird sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ sagte er. ‚Es gibt keine Macht der Welt, sie aufzuhalten, ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun höre, Michael, seit wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe danach meine Finanzpolitik eingerichtet.‘“
„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“
„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff ich es, und dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht spekulierte er auf das Fallen der Mark. Während ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag, während wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser alte Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren Untergang Geld zu machen.
So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. Einmal geschah es, daß ich zehn Minuten zu spät kam. Er blickte auf die Uhr und sagte, ohne mich anzusehen: ‚Sie sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der Wagen wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, und dieses Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche Vorwürfe. In diesem Augenblick fühlte ich ganz das Entwürdigende meines Automatendaseins. Ich fühlte die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben scheint.
Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals – verstehe mich recht –, schon damals begann ich meine Maßnahmen zu treffen. Ich hatte es satt, mich täglich beleidigen und demütigen zu lassen. Der Haß trat mir in die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber siehst du, er beachtete mich ja gar nicht.
Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam fünfzehn Minuten zu spät. Nun mußt du wissen, daß ich fast anderthalb Jahre bei Raucheisen war und im ganzen acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er ausströmte. Am nächsten Tage wurde ich in eine andere Abteilung versetzt. Er hatte kein Wort gesprochen, er hatte sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte allen Kränkungen die Krone auf.
Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. In dieser Abteilung hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr Sammlung, und ich konnte meinen Schlachtplan ausarbeiten. Nun sollst du weiter hören, und es wird dir Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern ein Glas schicken!“