Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant gekommen und hatte zu konzertieren begonnen. Wenzel beorderte den Kellner und ließ der Kapelle Erfrischungen schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und, schon spielten und sangen die Russen das Wolgalied.
„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre zu, dieses Lied berauscht mich, und ich höre es immer in meinen Ohren, seitdem ich unterwegs bin.“
Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, daß er Lise versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch Nachricht zu geben. „Willst du ihr nicht irgendein gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat Michael den Bruder.
Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht mehr auf, der Wein hatte ihn schon versöhnlicher und milder gestimmt. Aber er blieb halsstarrig. Michael wagte einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am Apparat so außerordentlich erregt gewesen, daß er aufs äußerste erschrocken sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe gedroht, sich aus dem Fenster zu stürzen.
Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte sich jedoch, sein Atem ging schwer. „So soll sie sich meinetwegen aus dem Fenster stürzen!“ sagte er, und sein Mund war hart und brutal. „Möchten doch alle Menschen in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen feigen Drohungen quälen!“
Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort sagen, um sie zu beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie morgen anrufen wirst.“
„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder etwas ruhiger.
18
Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel, was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu Hause.
„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.