„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die stille verlassene Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses Mädchen anfangs gar nicht so sehr. Ich hatte mich immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt, nicht wahr? Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt, Tränen und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn Mädchen zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß dieses leidenschaftliche, von vielen begehrte und umworbene Mädchen – wo sie auch ging, wandten sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte. Wie sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie um mich warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als etwas Selbstverständliches hin, ihre Leidenschaft, ihre Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er durchlebte in der Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie sie ihn mit ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen kannte, quälte und folterte. Diese ewigen Szenen! Sie lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte über jeden seiner Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde, seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der schönen Jenny Florian, durfte er nicht einmal die Hand geben. Welche Qual! Sie drohte sich ins Wasser zu stürzen, sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal hatte er beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten, wenn es sein mußte ...

„Und nun?“

„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg und blieb inmitten der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit Christine in ihrer Raserei auf mich geschossen hat, seit diesem Augenblick liebe ich sie über alle Maßen.“


In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, die Umrisse von Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die Schuppenwand zu zeichnen. Seine Pfeife qualmte, und sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen strahlte vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, als die Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die Aufschrift, die in großen, glänzend weißen Lettern die ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie lautete:

Gesellschaft Neu-Deutschland!

Tod dem Hunger!

Tod der Krankheit!

Es lebe die Kameradschaft!

Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten sollte.