Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr unter jedem Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen Ostwinde einsetzten und in den Nächten das Wasser in den Furchen der Landstraße gefror. Reif bedeckte am Morgen den Boden und die Stämme der Bäume.

Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde zu wandern. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich mit seinen Angelegenheiten in aller Stille zu beschäftigen.

Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der in einer Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der Wald an eine sanft geneigte Heidefläche, die nur von dünnem Gestrüpp und einigen Birken bestanden war. Auch auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage tätig. In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort hausten sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie an einem Sonntag besucht.

Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen Heide. Wie ein Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich der Mond aus dem Rauch des Horizonts, bald aber funkelte er herrisch hoch am Himmel und spiegelte sich ohne Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des Kanals, der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei und ohne jedes Hindernis stürzte der Wind über die kahle riesige Fläche.

Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem Gram. Kein Mensch, kein Tier. Das rote glimmende Licht der Arbeiterbaracke am Rande der Heide war das einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo.

In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im Angesicht des kalt blendenden Mondes wanderte Georg dahin, seinen Gedanken hingegeben.

Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine Stunde Christine und ihr Schicksal vergessen. In den ersten Wochen hatte er versucht, die Erinnerung an sie aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht verlassen und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde hatte ihn ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, nichts wußte er, nichts.

Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles.

Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, sich beim Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. (Erst hier im Walde war ihm eingefallen, daß es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser indessen hatte geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er aufstehen könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit dieser Zeit hatte er nichts mehr gehört.

Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub nach Berlin bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. Dazu hatte er etwas Geld in der Tasche.