„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“

„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“

Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg, bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht Schellenberg.“

„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“ drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande, und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“

Zweites Buch

1

Im Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer Straße wurde die berühmte Sammlung des Barons Flottwell versteigert. Diese Versteigerung war ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin. Baron Flottwell, früherer Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, hatte in den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren, so daß sein ganzer Besitz schließlich unter den Hammer kam. Zugleich mit den Herrlichkeiten Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen, Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie angehörten, ausgeboten.

Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten Profile einiger Museumsdirektoren, die bekannten Gesichter von Kunsthändlern, Maklern, ganz wie vor dem Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen verändert. Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, mit mächtigen Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten Hüften, völlig neue Gesichter, die niemand kannte. Viele Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber nur wenig Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend, darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte.

Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den Vitrinen glitzerten, verwirrten die Sinne. Die Summen und Unsummen, die durch den Saal schwirrten, steigerten die Erregung zum Fieber.

In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter Agent, der alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit an sich riß. Er trug eine graugrüne schäbige Perücke über den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte, das Gesicht bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als ein Manet, ein herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten wurde, entstand zwischen ihm und einem bekannten Museumsdirektor ein erbittertes Duell. Andere Liebhaber und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur die beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der Perücke trug den Sieg davon, und der Museumsdirektor verließ bleich und tödlich gekränkt den Saal. Mit der gleichen Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug sich hier mit einigen Händlern und einer Schar von Specknacken wie ein Rasender – seine Stimme aber blieb gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm. Auch hier blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der Kampf um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells stand wie der Silberschatz eines Domes auf dem Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in den Pelzen erhoben sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, nie hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf um das Silber wurde dramatisch. Mit Genugtuung sah man, daß ein Specknacken nach dem andern niedergekämpft wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen herrlichen Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter Herrenreiter, kämpfte noch eine Weile um den Flottwellschen Schatz. Ihm hätte man ihn vielleicht gegönnt, aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war man sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen geben mußte.